Von Prof. Dr. Marius Reiser

Die Wunder Jesu im Säurebad der Aufklärung

Jahrhundertelang galten die Wunder Jesu als klarer Ausweis seiner Göttlichkeit. Heute sind die Wunder Jesu selbst für viele christliche Theologen eher eine Peinlichkeit als dogmatische Ausweise, jedenfalls für Theologen, die als aufgeklärt und modern gelten wollen. Man behauptet, der Glaube an Wunder sei eine Sache einfältiger Zeiten gewesen, heute könne man angesichts der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse nicht mehr daran glauben. So argumentiert auch Professor Flachland in Peter Kreefts Drama „Sokrates trifft Jesus“, das im Media Maria Verlag auch auf Deutsch erschienen ist. Darauf meint Sokrates, er sehe nicht ein, warum aus der Tatsache, dass viele Leute heutzutage nicht länger an Wunder glauben, logisch folgen soll, dass Wunder niemals geschehen. Und tatsächlich kennen wir ja bestens bezeugte Wunder auch aus unserer Zeit.
Mir scheint, wir sollten uns eher an das Urteil Egon Friedells halten, der 1927 im ersten Band seiner „Kulturgeschichte der Neuzeit“ schrieb: „Die ganze Natur ist wunderbar. Jede in die Tiefe gehende Erklärung einer empirischen Tatsache ist nichts anderes als die Feststellung eines Wunders. Der Philologe beschäftigt sich mit dem Wunder der Sprache, der Botaniker mit dem Wunder des Pflanzenlebens, der Historiker mit dem Wunder des Weltlaufs: lauter Geheimnisse, die noch kein Mensch zu entziffern vermocht hat, ja selbst der Physiker, wenn er nämlich genial ist, stösst fortwährend auf Wunder. Je tiefer eine Wissenschaft in die Sphäre des Wunderbaren einzudringen vermag, desto wissenschaftlicher ist sie. Wenn wir heute keine Wunder mehr erleben, so zeigt dies nicht, dass wir klüger, sondern dass wir temperamentloser, phantasieärmer, instinktschwächer, geistig leerer, kurz: dass wir dümmer geworden sind. Es geschehen keine Wunder mehr, aber nicht, weil wir in einer so fortgeschrittenen und erleuchteten, sondern weil wir in einer so heruntergekommenen und gottverlassenen Zeit leben.“ „Ach! Es geschehen keine Wunder mehr!“, seufzt ein braver Landmann in Schillers „Jungfrau von Orleans“. „Das Unglaublichste an Wundern ist, dass sie geschehen“, meint G.K. Chesterton in „Father Browns Einfalt“. Und das hat die berühmte Jungfrau dann ja auch bewiesen.

Den vollständigen Artikel können Sie als Abonnent des SKS lesen.

Jetzt Abonnent werden