Von Prof. Dr. Marius Reiser

Jesus: «Mensch gewordener Gott» oder «göttlicher Mensch»?

1. Lew Tolstoi

Im Jahr 1878 erschien der Roman «Anna Karenina» von Lew Tolstoi als Buchausgabe. Schon länger hatte Tolstoi den Verdacht, dass die traditionellen Lehren der Kirche nicht mit den Lehren des Evangeliums übereinstimmten. Der Roman war sein letzter Versuch, einen Ausgleich zu finden. Eine Episode darin betrifft die Frage des Jesus-Bilds. Wronskij und Anna sind auf einer Italienreise in einer kleinen Stadt gelandet und begegnen einem früheren Bekannten Wronskijs namens Golenischtschew.

In der Stadt wohnt auch ein russischer Maler namens Michailow, der erst kürzlich ein religiöses Bild fertiggestellt hat. Dieses Bild hat schon vor seiner Fertigstellung in Russland Aufsehen erregt und wird in gebildeten Kreisen diskutiert. «Hast du Michailows Bild gesehen?», fragt Wronskij seinen Freund Golenischtschew. «Ich habe es gesehen», antwortet dieser. «Natürlich ist es nicht ohne Talent, aber er vertritt eine verfehlte Richtung. Immer die gleiche Iwanow-Strauss-Renansche Auffassung von Christus und der religiösen Malerei.» «Was stellt denn das Gemälde dar?», fragt Anna. Und Golenischtschew anwortet: «Christus vor Pilatus; Christus ist mit dem ganzen Realismus der neuen Schule als Jude dargestellt.» Golenischtschew charakterisiert den Maler als Freigeist, der in Unglauben, Skeptizismus und Materialismus grossgeworden sei. Wronskij und Anna beschliessen daraufhin, den Maler einfach zu besuchen und sich das Bild selbst anzuschauen, natürlich zusammen mit dem Freund. Der Besuch findet statt, man bespricht das Bild und lobt den Künstler, nur Golenischtschew ist nicht zufrieden und sagt schliesslich auch, was ihm an Michailows Bild nicht gefällt: dass Christus hier «als Göttlicher Mensch und nicht als Mensch gewordener Gott» dargestellt sei. Darauf antwortet der Maler verstimmt: «Ich konnte natürlich nicht einen Christus malen, der nicht in meiner Seele lebendig ist» (Leo N. Tolstoi, «Anna Karenina», Teil V Kap. 9 und 11, übersetzt von F. Ottow).

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