Von Prof. Dr. Marius Reiser

Demut und ihr Gegenteil

Das frühe Christentum verlangte in ethischer Hinsicht so manches Umdenken, ja, es erschien geradezu als eine Werterevolution. So war es etwa in der gesamten Antike üblich, dass man Stolz zeigte, sich in den Vordergrund schob, nach Prestige, Ruhm und Ehre strebte. Egoismus und Selbstlob galten, wo sie nicht übertrieben wurden, als normal. «Immer der Beste sein und überlegen den andern» las man bei Homer, und das war seither das unermüdlich wiederholte Motto der griechischen Erziehung. Wenn dieses Ziel mit anständigen Mitteln nicht erreichbar war, griff man auch zu unanständigen. Im genauen Gegensatz dazu lautete das Motto der christlichen Erziehung: Immer das Dienen und den geringeren Platz vorziehen, auch wenn man der Erste ist (vgl. Mk 10,43f). Für diese Haltung haben wir im Deutschen das schöne Wort De-mut. Es bedeutet nicht «Mut zum Dienen», wie man heute oft hören kann, es bedeutet vielmehr die Gesinnung eines Dienenden besitzen und sich entsprechend verhalten. Das verlangt heute allerdings Mut, ja geradezu Tollkühnheit. 

Wie schwer es für das frühe Christentum war, diese Werterevolution zu vermitteln, zeigt die Auseinandersetzung des hochgebildeten Theologen Origenes mit dem ebenso hochgebildeten Christenfeind Kelsos im 2./3. Jahrhundert. Kelsos bezeichnete Jesus als alazón. Darunter verstand man im Griechischen jemanden, der eine Schau machen und bluffen will, einen Angeber, Aufschneider und Windbeutel. Aus der Sicht eines Mannes wie Kelsos konnte die Einleitung einer Rede mit «Amen, ich sage euch» durchaus so gedeutet werden.

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