Von Pfr. Dr. Eugen Daigeler

Die verborgenen Jahre Jesu

Über die Zeit vor dem öffentlichen Wirken Jesu schweigen die Evangelien. Vieles, was den Leser vielleicht interessieren könnte, wird hier nicht erwähnt. Nach der Geburt Jesu, nach der Anbetung der Könige und der Flucht nach Ägypten, wie sie Matthäus und Lukas berichten, erwähnt einzig das Lukas-Evangelium eine Begebenheit vor der Taufe Jesu, nämlich, dass der zwölfjährige Jesus bei einer Wallfahrt nach Jerusalem im Tempel zurückbleibt und erst nach dreitägigem Suchen von Maria und Josef wiedergefunden wird (Lk 2,41–52).

Die Episode schliesst mit dem knappen, doch gewichtigen Wort, dass Jesus Maria und Josef «gehorsam war». Ein Grundzug Jesu, der hier bereits aufleuchtet und auf den wir noch eingehen werden.

Doch wie sah dieses Leben in Nazareth aus und was ist seine Bedeutung für uns heute? Zwei Informationen lassen sich aus den Angaben der Evangelien ableiten. Das Erste ist: Jesus lernt die Heilige Schrift zu lesen. Als der erwachsene Jesus in seine Heimatstadt kommt, liest er in der Synagoge aus der Bibel, genauer aus dem Propheten Jesaja, vor (Lk 4,16–30). Ein Schulsystem in unserem Sinn gab es nicht und schon gar nicht für die Kinder armer Eltern. Dennoch ermunterte der Glaube Israels zum Studium der Schrift. Sie war hoch geschätzt als Quelle der Offenbarung Gottes und als Weisung für das rechte Leben.

Das Zweite finden wir in einer Erwähnung des heiligen Markus. Nur er benennt einen Beruf Jesu. Das griechische Wort «tekton» meint einen Handwerker, der beständiges Material wie Holz oder Stein bearbeitete. Gewöhnlich sprechen wir vom «Zimmermann»; in jedem Fall umschreibt das Wort einen Handwerker, der an Bauten und Häusern mitwirkte, der mit seinen eigenen Händen arbeitete – hart arbeitete. Und der zu den einfachen Menschen gehörte. Doch gerade daran stossen sich – nach den Worten des Evangelisten – einige Menschen in Nazareth, als sie Jesus predigen hören.

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