Von Dr. phil. Martha von Jesensky

Gewissheit ist ein Seelenzustand der Überzeugtheit, der bei verschiedenen Menschen von verschiedenen Bedingungen abhängt. Bei den Heiligen zum Beispiel von einer Glaubenserfahrung, in der Naturwissenschaft von der Erkenntnis einer denknotwendigen logischen Folgerung, wie etwa bei technischen Errungenschaften.

So schreibt die polnische Mystikerin, die heilige Maria Faustyna Kowalska (1905–1938) am 23. April 1937 während ihrer dreitätigen Exerzitien in ihrem Tagebuch: «Sobald ich die Gewissheit erreicht und die Richtigkeit in Bezug auf den Willen Gottes erkannt habe, sollte ich ihn erfüllen …»

Im Folgenden ein Beispiel für die Überzeugtheit eines richtigen Handelns aus dem Bereich der technischen Forschung:

Im Juli 2019 ereignete sich eine maritimische Katastrophe in der Barentssee. Russland verlor dabei vierzehn hochrangige und hochdekorierte Marineoffiziere. Wenige Kilometer von der Heimatbasis der russischen Nordseeflotte schoss an jenem Tag plötzlich ein riesiges U-Boot aus der Tiefe empor. Doch nicht dies war das Des­aster, sondern ein kleines U-Boot, das angedockt war an das grosse. Es handelte sich um ein topgeheimes Unterwasserfahrzeug, das unter dem Codenamen «AS 31 Losharik» operierte. Auf ihm hatte es im vorderen Teil gebrannt, im Batterie-Raum. Es hatte Tote und Verletzte gegeben, vermutlich durch Rauchvergiftungen. Ein Austritt atomarer Strahlung aus dem Nuklearantrieb im Heck des Bootes war nicht zu messen.

Die Losharik ist aus dickwandigem Titan angefertigt. Zu ihren besonderen Fähigkeiten gehört es, in Tiefen bis zu sechstausend Meter vorzudringen – militärische U-Boote operieren normalerweise in Tiefen um die siebenhundert Meter. Die Losharik selber konnte selbst zu den Tiefenseekabeln im Atlantik hinab, die Internet und Telefon von Europa und Amerika verbinden. Die deutsche Marine wollte zur strategischen Bedeutung der Havarie keine Stellung nehmen.

Nach einem russischen Zeitungsbericht hätten alle Besatzungsmitglieder der Losharik genug Zeit und Sauerstoff gehabt, um das Boot über eine Rettungsluke zum Mutterschiff zu verlassen. Stattdessen kämpften sie bis zum Tod gegen die Flammen. Folgten die Besatzungsmitglieder einer Vorschrift, die vorgibt, sich für das Schiff zu opfern, oder verhinderten sie dadurch, vielleicht sogar freiwillig, eine noch schlimmere Katastrophe der beiden Atom-U-Boote? fragt der Berichterstatter Peter Carstens. Nach den Worten des russischen Verteidigungsministeriums konnte «eine Katastrophe planetaren Ausmasses» verhindert werden (vgl. «Frankfurter Allgemeine», 27. Oktober 2019).

Hier drängt sich natürlich die Frage auf: Was hat das erste Ereignis, also die Glaubenserfahrung einer Heiligen, mit dem moralisch lobwürdigen, aber vielleicht nicht religiös, sondern nur humanistisch motivierten Handeln der vierzehn Marineoffiziere, die ihr Leben für ein höheres Ziel geopfert haben, zu tun? – Auf den ersten Blick nichts. Doch Johannes Paul II. kennt die Antwort.

Er sagt: Den Glauben an den Humanismus, die Wissenschaft und Fortschritt muss man nicht preisgeben.

«Denn Humanismus, die Wissenschaft und der Fortschritt sagen uns etwas vom Menschen, legen Zeugnis ab für ihn, lassen ihn in der Beziehung zur Welt … sichtbar werden. Darin und dadurch kann sich der Mensch verwirklichen, denn Gott wollte nämlich den Menschen in der Hand seines Entschlusses lassen …»

Darum ist es angebracht, sagt Papst Johannes Paul II. (1982), auch den Vertretern der wissenschaftlichen Disziplinen «Gott zu verkünden, den Gott des Evangeliums. Ganz einfach deshalb, damit sie darin den grundlegenden und endgültigen Sinn des Humanismus, der Wissenschaft und des Fortschritts wiederfinden …» damit der Mensch seine Aufgabe und Berufung auf Erden erkennt (vgl. A. Frossard, 1982 «Fürchtet euch nicht!», S. 242).