Von Pfarrer Dr. Eugen Daigeler

Wir beginnen die Adventszeit. Advent feiern, heisst Hoffnung haben. Dabei geht es nicht um irgendeine Erwartung oder Sehnsucht, es geht um die christliche Hoffnung. Was ist gemeint? Hoffnung verbinden wir meist mit zukünftigen Geschehen, die noch ausstehen, auf deren Eintreten wir warten. Und das trifft in einer Hinsicht auch zu: Sowohl das Evangelium vom letzten Sonntag, als auch das Evangelium vom Ersten Adventssonntag sprechen von der Wiederkunft Christi. Ja, als seine Gläubigen erwarten wir, dass er wiederkommen wird in Herrlichkeit, zu richten die Lebenden und die Toten; dass seiner Herrschaft kein Ende sein wird.

Diese christliche Hoffnung richtet sich aber nicht bloss auf «Etwas», auf ein abstraktes Ereignis oder Datum, daher spielen «Zeiten und Fristen» für die Wiederkunft des Herrn eine untergeordnete Rolle. Unser Hoffen richtet sich auf «Jemanden», auf eine Person, auf Jesus Christus, den Mensch gewordenen und verherrlichten Gottessohn.

Was ist das Grösste, das er getan und gewirkt hat? Jesus hat uns nicht weniger als Gott selbst gebracht und, indem er uns den lebendigen Gott brachte, hat er uns die wahre Hoffnung gebracht. So wird deutlich, dass es uns nicht allein um Kommendes, sondern ebenso um Gegenwärtiges geht. Genauer: Im Glauben an Christus kommen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammen – der unaufgebbare Ursprung mit dem irdischen Sein und Handeln Jesu, die Erwartung der Erfüllung aller Zeit, wenn der Herr wiederkommt; und seine Gegenwart hier und heute, unter uns in seiner Kirche und ihren Sa­kramenten. Anders gesagt: Wir warten mit dem gegenwärtigen Christus, auf dessen Wort wir bauen, auf sein endgültiges Kommen.

Ankunft des Herrn
In der Adventszeit schaut die Kirche auf Christus in der Sehnsucht nach seiner «Ankunft», wie es das Wort «Advent» besagt. Wir feiern, dass Christus der Messias ist, der tatsächlich als Heiland in die Welt hinein getreten ist, der die Hoffnung der Propheten und des Volkes Israel erfüllt hat. Wir erhoffen, dass der Herr einmal – ja, bald – wiederkommt, alles nach seiner Gerechtigkeit zu vollenden, sein Reich des Friedens aufzurichten. Und wir bereiten unser Herz durch Fasten und Gebet, durch Gottesdienst und Werke der Nächstenliebe, dass der Heiland heute in unser eigenes Leben eintreten kann.

Viele haben diese Erwartung auf die Ankunft Christi aufgegeben – und mit dieser Erwartung den Glauben selbst. Viele wollen nicht mehr warten. Was nicht hier und jetzt sichtbar und greifbar, ja geniessbar ist, das hat keine Relevanz für sie. Jesus spricht im Evangelium (Mt 24,29–44) von Menschen in den Tagen des Noah. Er spricht ihre Gottvergessenheit an. Sie lebten ohne den Blick auf Gott. Was für eine Zeitanalyse! Doch wer ohne Gott lebt, der lebt ohne Hoffnung. Heute sind wohl die meisten Menschen nicht ausdrücklich gegen den Glauben, sie haben Gott schlicht vergessen – im persönlichen wie im öffentlichen Leben. Sie meinen, sie hätten von Gott nichts mehr zu erwarten. Sie sehnen sich nach «future», nach Zukunft, dennoch bleiben viele hoffnungslos, ohne den wahren Grund dafür zu kennen.

Dem müssen wir als Christen das leuchtende Zeichen unserer Hoffnung entgegensetzen. Papst Benedikt XVI. hat dazu im Jahr 2007 eine immer noch äusserst lesenswerte Enzyklika veröffentlicht. Ihr Titel lautet «Spe salvi – Auf Hoffnung hin sind wir gerettet». Es geht darum, dass uns das Heil dadurch gegeben ist, «dass uns Hoffnung geschenkt wurde, eine verlässliche Hoffnung». Davon müssen wir sprechen – mehr als von Strukturdebatten und verwirrenden theologischen Forderungen – von der un­trüglichen Hoffnung, die uns Christus gebracht hat.