Von Dr. phil. Martha von Jesensky

Im Jahre 1946 führte der Physiker Louis Slotin ein Experiment im Kernforschungszentrum Los Alamos mit zwei Halbkugelschalen aus Beryllium und einem Plutoniumkern durch, in dessen Folge er starb. Er hatte leichtsinnig auf wichtige Sicherheitsvorkehrungen verzichtet. Wie konnte das geschehen?

Slotin, damals 36, war ein erfahrener Experimentator. Ein Jahr vor seinem Unfall im Laboratorium hatte er den Kern der ersten Atombombe, die dann in Hiroshima (1945) abgeworfen wurde, montiert. Doch zum Auseinanderhalten der beiden Berylliumschalen in seinem Experiment verwendete er unverständlicherweise nur seine linke Hand, welche die eine Halbschale mittels eines Daumenlochs im Griff hatte, und einen Schraubenzieher in der rechten Hand, mit dessen Hilfe er die beiden Schalen auf Abstand hielt. Er wollte seinen Kollegen im Raum zeigen, wie sich Plutonium verhält, wenn man es mit einem Leichtmetall Beryllium zusammenbringt.

Plutonium ist die wichtigste radioaktive Substanz in Atombomben. Dabei rutschte der Schraubenzieher aus dem Spalt aus, die beiden Halbschalen krachten aufeinander, wodurch sofort eine gefährliche Reaktion ausgelöst wurde. Alle acht Physiker, die sich im Raum befanden, wurden mit einer hohen Strahlendosis verseucht. Da aber Slotin die höchste Strahlendosis bekam, starb er neun Tage später. Die übrigen Physiker konnten sich zunächst von der Strahlenkraft erholen, doch einige starben noch im jungen Alter an Krebs oder anderen Krankheiten.

Überschätztes Wissen

Warum war Slotin so leichtsinnig? Geht es uns anders? Die Kognitionswissenschaftler Steven Sloman und Philip Fernbach erklären: «Wir neigen dazu, unser Wissen mit Illusion zu überschätzen, die uns Selbstvertrauen und Wagemut schenkt.»

Die Wissenschaftler nehmen an, dass Slotin bei seinem Experiment derselben Illusion erlag wie wir alle, wenn wir glauben, wir hätten eine Sache im Griff und verstehen genug davon, obwohl das in Wirklichkeit gar nicht der Fall ist. Die Überraschung, die der junge Physiker Slotin erlebt hat, unterscheidet sich kaum von der Überraschung, die wir erleben, wenn wir etwa einen tropfenden Wasserhahn reparieren wollen und das Ganze mit einer Überschwemmung im Bad endet.

Und wie ist das im Bereich des religiösen Lebens? Kann man sich auch hier leichtsinnig verhalten? Ja, wenn es darum geht, das ewige Leben aufs Spiel zu setzen.

Religion gehört zur Natur des Menschen, die uns auf die Verehrung Gottes hinordnet (Kardinal Gerhard Müller). Der Gläubige verehrt Gott wegen seiner Grösse, Allmacht und Herrlichkeit. Demgegenüber sucht der Nichtgläubige die Ehre ausschliesslich bei Menschen, weshalb er nicht zum Glauben kommen kann. So sagt Jesus im Johannes-Evange­lium (5,44): «Wie könnt ihr zum Glauben kommen, wenn ihr eure Ehre voneinander empfangt, nicht aber die Ehre sucht, die von dem einen Gott kommt?».