Von Christa Meves

Ein Erstklässler, der mit Erfolg die ersten Monate die Schule besucht, legt über dem Schularbeitentisch den Kopf zwischen seine beiden Hände und sagt stöhnend: «Es macht alles keinen Spass mehr. Ich hab überhaupt keine Zeit mehr, zu tun, wozu ich Lust hab, weder draussen noch drinnen.» Die Mutter, die hinter dem Jungen steht und ihn gerade ermuntern wollte, schneller die Buchstaben zu schreiben, schneller fertig zu werden, um rechtzeitig zum Musikunterricht aufzubre-chen, hatte gesagt: «Danach müssen wir dann auch zum Judo-Kurs. Und wie ist das nun mit dem Anfangen zum Klettern? Das wolltest du doch so gern.» Nur mit Ach und Krach sind die Schularbeiten fertig, um rechtzeitig mit dem Auto die recht entfernte Musikschule erreichen zu können. Mütterliche Nachdenklichkeit Während die Mutter in der Zeit des Musikunterrichts im Wagen wartet, kommt sie ins Grübeln. Liegt die neue Schwierigkeit daran, dass diese vielen Pflichten für den Jungen zu viel sind? Aber er ist doch nun wirklich musikalisch, sagt sie sich, er hat sogar das absolute Gehör, und den Judo-Kurs machen doch alle anderen in seiner Klasse auch. Wir wollen ihm doch nur helfen, dass er nicht zu einem gemobbten Aussenseiter wird. Da ist schon der Kampf gegen das Smartphone zu Hause schlimm genug. Und die fixe Idee mit dem Klettern hat er doch seinem älteren Bruder abgeluchst, bedenkt sie. Und nun kommt er immer lustloser aus der Schule heim und trödelt dann vor sich hin, statt gezielt anzufangen.

Die allgemein veränderte Situation für Grundschulkinder
Ja, diese Mutter ist keine Ausnahme von denen, die sich für ihre Kinder viel Mühe geben. Wenn man von der Praxis aus sich das Leben der Kinder anschaut, hat man geradezu den Eindruck, als schwindet vielen Kindern die Kindheit, und damit aber auch die unbeschwerte Fröhlichkeit. Und das ist nicht etwa nur bei den Kindern aus Hochhäusern der Fall. Einerseits wird ein direktes Zuwenden von einem Kind mit einem Erwachsenen immer seltener, aber anderseits werden die Kinder mit vielen zusätzlichen Verpflichtungen nicht nur verplant, sondern darüber hinaus auch noch viel weniger freigelassen. Eine Studie hat einmal herausgefunden: Vor 20 Jahren hatten die Kinder noch einen erheblichen Spielraum, sich ab der 5-Jährigkeit allein vom Elternhaus wegzubewegen. In der jüngsten Zeit ist er nur noch auf wenige Meter beschränkt. Wie kommt es zu diesem ungeschriebenen Gesetz im Verhalten verantwortungsbewusster Eltern? Das lässt sich allerdings bald herausfin-den: Täglich dringen über die reisserischen Presseorgane fürchterliche Verführungsgeschichten an unsere Ohren, über Kinder, die von der Strasse weg in ein Auto gezerrt und die nie wieder oder nur nach langer qualvoller Wartezeit tot gefunden werden.