von Giuseppe Gracia

Wie steht es in unseren heutigen öffentlichen Foren um die Meinungsfreiheit? Norbert Bolz, Professor für Medienwissenschaft in Berlin, hat kürzlich den Begriff der «Lügenpresse» für falsch erklärt. Er hat klargestellt: In Europa oder in den USA werden wir von Journalisten nicht belogen, aber es gibt subtile Methoden der Manipulation. Heute genüge es zum Beispiel, dass eine Moderatorin im Fernsehen die Stirn runzle, während sie politische Akteure oder Ereignisse moralisch bewerte und in gut oder böse einteile. «Die Guten hassen dann die Bösen, und zwar mit gutem Gewissen.» Gemäss Bolz ist diese Moralisierung der öffentlichen Diskussion schlecht für die Meinungsfreiheit. «Dass man die formale Freiheit hat zu sagen, was man denkt – das besagt nicht viel, wenn man nicht mehr zu denken wagt, was man nicht sagen darf.» Ausserdem ist es schwer, mit rationalen Argumenten gegen einen Journalismus der Gesinnung und Entrüstung anzutreten. Tatsächlich begegnen uns viele Medien heute nicht mehr analytisch-argumentativ, sondern sie verschmelzen Nachricht und Kommentar, Thema und Meinung zu einer abgeschlossenen Einheit. Bei heissen Eisen wie Klima, Gender oder Migration treten das intellektuelle Ringen und die Wahrheitssuche in den Hintergrund, denn die moralisch richtige Perspektive ist längst bekannt. Es dominieren Belehrung und die Skandalisierung der Abweichler. Zu Recht sagt der Professor, dass dies nicht für alle Medien gilt, dass es in unseren Ländern jeden Tag auch seriösen, kritischen Journalismus gibt. Aber er macht deutlich, dass im journalistischen Rollenverständnis eine Veränderung stattgefunden hat, man könnte sagen: vom Berichterstatter und Kommentator, der den Pluralismus der Anschauungen zulässt und auch Fakten bringt, die der eigenen Moral widersprechen, zum Volkspädagogen, der danach trachtet, die Gesellschaft im eigenen Sinn zu erziehen. Ich bin nicht der Meinung, dass man alles sagen können soll. Rassistische oder sexistische Aussagen gehören bestraft, so wie Aufrufe zur Gewalt. Das tägliche Bemühen um Anstand und gegenseitigen Respekt ist, bei aller Meinungsfreiheit, hochzuhalten. Aber das heisst nicht, dass Journalisten uns erziehen sollen.