Von Dr. phil. Martha von Jesensky

Wer betrogen, verletzt, verleumdet oder beleidigt wird, leidet gleich mehr-fach. Durch die Ungerechtigkeit selbst, die ihm zugeführt wurde, aber auch durch die negativen Gefühle wie Wut, Enttäuschung, Traurigkeit oder Scham. All das erschöpft den Betroffenen, zwingt ihn, immer wieder über das Geschehene nachzudenken, er fühlt sich vom Schicksal benachteiligt. Eine solche Gefühlsverfassung bedeutet Mehrfachbelastung, der Betroffene steht unter Dauerstress (vgl. Prof. Robert D. Engricht, Universität Wisconsin).

Was nun? Ein Weg wäre Rache zu üben. Das verschafft zwar eine kurze Befriedigung, nicht aber eine langfristige. Das haben die Psychologen um Kevin Carlsmith von der Colgate-Universität in Hamilton in einem Experiment gezeigt. Diejenigen Probanden (Testpersonen), die den Weg der Vergeltung für eine Ungerechtigkeit für richtig hielten, waren am Ende der Testphase unzufriedener als die Vergleichsgruppe ohne Revanchegedanken.

Misshandlungen schaden nicht nur der Seele, sie können auch Lebensbiografien zerstören

Eine andere Möglichkeit, um mit Verletzungen umzugehen, ist die Verdrängung eines erlittenen Unrechts. Ein Davon-laufen vor den eigenen Gefühlen. Auch für die Pinnebergerin Anke Hiddfeld schien dies die einzige Methode zu sein, um innerlich mit ihrer Verletzung aus der Kindheit fertig zu werden: Wieder-holte Misshandlungen durch den alkoholisierten Vater. Später brach sie den Kontakt zu ihren Eltern komplett ab. Bis sie merkte, dass die Wunden nicht schliessen wollten. Sie kamen ihr immer wieder ins Gedächtnis.