Von Pfr. Dr. Johannes Holdt

Maria und Martha Das Evangelium von Maria und Martha gehört zu den provozierenden Stellen in der Schrift. – Es gibt nicht wenige Menschen, die Schwierigkeiten mit diesem Evangelium haben. Da sind die beiden Schwestern: Maria und Martha. Martha macht sich viel zu schaffen, sie ist «ganz in Anspruch genommen», für Jesus zu sorgen (Lk 10,40). Und Jesus? Er scheint das gar nicht anzuerkennen. Stattdessen lobt er die untätige Maria, die nichts anderes tut, als bei ihm zu sitzen und ihm zuzuhören. Ist das nicht ungerecht? Um etwas vom Sinn dieses Evangeliums zu verstehen und zu begreifen, dass es sich hier um keine ärgerliche Botschaft handelt, sondern im Gegen-teil um eine befreiende und heilsame, ist vielleicht ein Denkspiel hilfreich.

Wäre unser Evangelium eigentlich sympathischer, wenn es so lautete: «Martha beschwerte sich bei Jesus: Herr, kümmert es Dich nicht, dass meine Schwester die ganze Arbeit mir allein überlässt? Sag ihr doch, sie soll mir helfen! Da wandte sich der Herr an Maria und sprach: Maria, Maria: wenn du dir nicht genauso viel Mühe gibst wie deine Schwester, wirst du nur schwerlich den ewigen Lohn erhalten.»

Ich habe nicht das Gefühl, dass die-se Version erfreulicher für uns wäre. Im Gegenteil: Sie würde uns einen ungeheuren Leistungsdruck aufbürden, einen Druck, der da hiesse: «Nur wer arbeitet und sorgt und sich müht und Leistung bringt ohne Rast und Ruh, verdient sich Gottes Liebe und Gnade». Gott sei Dank: So lautet die Botschaft des Evangeliums nicht. Christentum heisst nicht zuerst: Wir haben viel zu sorgen; sondern: Christus sorgt für uns.