Von Christa Meves

«Sie wissen nicht, was sie tun.» Laut Lukas (Lk 23,34 –37) hat Christus die-se Worte während seiner Kreuzigung gesprochen, nachdem das Volk und die Soldaten den Herrn mit zynischen Worten verhöhnt und begonnen hat-ten, um den Besitz seines Rockes zu würfeln. Aber diese Wahrheit, die die unermessliche Trauer über die Ignoranz der Höhnenden ausdrückt, weil sie offensichtlich keine Ahnung dar-über haben, dass es ihr Gott ist, dem sie diese Beleidigungen zufügen, enthält in dieser so tief bedeutsamen Aussage ja noch einen Satz vorab, in welchem Christus seinen Vater, Gott, den Allmächtigen, mit folgenden Worten anspricht: «Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht …» (Lk 23,34).

Und diese Einleitung scheint dem sterbenden Christus nötig zu sein, um den berechtigten Zorn des Vaters über die abgrundtiefe Schändung sei-nes Sohnes zu beschwichtigen; denn letztlich hat dessen Opfertod das Vollziehen einer unfassbar tiefen Liebe Gottes für uns alle zum Ziel. Einmal mehr kommt damit – noch weit über den einfachen Sinn dieser Worte hin-aus – eine Wahrheit von einer schier unlöschbaren, allgemeinen Gültigkeit zum Ausdruck: eine erbarmende Ant-wort des HERRN auf eine allgemein durchgängige Schwäche von uns Menschen. Wenn wir nämlich genau in uns hinein lauschen, lässt sich er-kennen, dass unsere oberflächlichen Aktionen oder auch Worte nicht selten auch noch eine unbekannte, unbewusste Motivation enthalten.