Von Dr. phil. Martha von Jesensky

Eine   der  bedeutendsten   Philosophen   unseres  Jahrhunderts,  Robert Spaemann   (gest. 2018)  sagt:   „Wahrheit  existiert  unabhängig,  ob  wir   glauben oder  nicht.“  Natürlich  handelt    es   sich   hier  um   eine   Glaubenswahrheit   und  nicht  um  eine  ideologisch  gefärbte,  durch   menschliche   Denkanstrengung   gefundene.   Eine  Wahrheit,  die  zwar   unzugänglich   ist,   sich  aber  mitteilen  kann  und  will.  Wäre   das   nicht  so,  wüssten   wir  überhaupt   nicht,   dass   es  sie   gibt.   In   seinen   Büchern,   Artikeln  und  Interviews  in   führenden Medien wie  der   Frankfurter Allgemeinen Zeitung,  hat  Spaemann  unermüdlich   diese  Position   vertreten.

Nun,   die   entscheidende  Kategorie,  um  d i e s e    Wahrheit   innerlich  zu   spüren,  ist  die  ehrfürchtige  Liebe.   Dann  nämlich   „arbeitet“   die göttliche  Huld  unablässig  an  einer  Seele,   weil  sie  ihr  Einlass  gewährt.   Das  ist  auch  der  Grund,  warum  sich  die     Lebensbiografie    der    Heiligen   von   der   gewöhnlichen    Biografien   (etwa  in  Romanen,  Berichterstattungen, Literatur,  Kunst   und  dergleichen)  unterscheidet.    Gewöhnliche   Lebensbeschreibungen   können  zwar   spannend,   belehrend   und    interessant  sein,  aber  sie  weisen   keinen   Bezug  auf  das Göttliche  auf.

Darum  sagt  der  bekannte  Hagiograph   Walter  Nigg:  „Die  Heiligen haben  die   Spannung    zwischen  oben  und  unten  durchgestanden, oft durchlitten,  aber sie  haben  sie  nicht  umgangen …“  Selbstverständlich    wurden  sie  auch   von  Fragen   geplagt  –   Fragen,  die   zur  menschlichen  Existenz   gehören.  In   Folgendem  sei   nur  an   die   Fragen  der   nordischen  heiligen   Birgitta  von Schweden  (14. Jhd.)  zu   erinnern:

Ich  frage  Dich,  Richter  gib  mir   Antwort!   Du  hast   mich  erschaffen. Du  hast  mir   einen   Mund    gegeben.   Warum  soll  ich nicht   sprechen,  wie  ich   will?   Warum  hat  der  Herr   dem  Manne  und   dem  Weibe   den Trieb  zur  Vereinigung   eingepflanzt,  da  sie  doch  nicht   nach   Herzenslust   einander   lieben  könnten?   Warum  die   Menschen  nicht   geschaffen   seien   als   Engel,   leiblose   Geister –  oder  als Tiere,  die  sich  nicht  um   Erkenntnis  quälen?  Warum  als   zerbrechliche  Tongefässe?   Warum  soll  ich   mich  nach   göttlicher  Weisheit   richten,  wenn   ich   nur   weltlichen   Verstand   habe?   Warum   mich  freuen  über  mein  Leid?   Das   kann  ich   nicht.   Warum  lassest  Du   Hunger   zu,   Pest,  Rache, warum  Krieg?“  

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