Von Dr. phil. Martha von Jesensky

Der   Kulturwissenschaftler  Norbert  Bolz   hat  eine  Liste  (Ranking)  der  500  wichtigsten Intellektuellen  im deutschsprachigen Raum erstmals aufgeführt;   sich  selbst  sieht  er  auf    Platz  139.  Ganz oben, auf Platz 1, figuriert  Peter  Sloterdijk,  dem er  Geistesgegenwart  ohne  Zeitgeistigkeit  attestiert.  Der souveräne  Philosoph   Sloterdijk  plädiert  für die  Metanoia (Umkehr) des  Einzelnen: „Kehre  um,  du  musst  dein Leben  ändern – oder  doch  wenigstens  dein  Denken.“  (CICERO, Februar 2019)

Das  ist  aber  nur  möglich, wenn  man  sich nicht von unwichtigen Fragen  ablenken  lässt.  In  diesem Sinn  könnte   man   versuchen  auch  eine  Ranking  über  Umkehr  diejenigen  Intellektuellen  zu erstellen,  die  es  gewagt  haben,   bis  zur   letzten  Konsequenz   in   die  Nähe  Gottes  zu  gelangen.  Auch  wenn  der  Anfang  ihres  Weges holprig  war.

BEISPIEL  Simone Weil

Simone Weil  (1909-1943)  gehörte  der  Pariser  Intelligentia  der Vorkriegsgeneration  an.  Sie  wurde  als Tochter wohlhabender jüdischer  Eltern   geboren.   Ihr  um  drei  Jahre   älterer   Bruder (später Professor für Mathematik an der Universität  Chicago) übte  einen  starken  Einfluss  auf   sie  aus.  Nach  Beendigung  ihrer Schulzeit   entschied  sie  sich  für  das höhere  Lehramt.  Während  der Vorbereitung  darauf   war   sie  zwei Jahre  im  Lycée  Henri IV  Schülerin  des  Philosophen  Alain. 1931 wurde sie  auf  einen  Lehrposten  am  Lyzeum  von  Le Puy  berufen.

Im  Jahr  1931  befand  sich  Frankreich  in  einer politisch   aufgewühlten  Zeit.  Simone Weil  passte  nicht  in  das  Rollenklischee  einer  unverheirateten  Lehrerin. Sie nahm Kontakt mit der Gewerkschaft   in  Le Puy  auf  und  publizierte  in  linken  Zeitschriften.  Für  ihre  Schülerinnen  erteilte  sie  unentgeltlich  Kurse  in  Philosophie, es entstand  eine  „université  populaire“.  Den Lohn,   den  sie  als  Lehrerin  erhielt,  schenkte  sie  wieder  anderen.