Von Dr. phil. Martha von Jesensky

Wenn sich eine lebensbedrohliche Krankheit in unseren Körper einschleicht, beginnt eine tiefe Entwurzelung. Es kommt zu einem Ausnahmezustand im Reich der «Staatsbürgerschaft der Gesunden», in der sich der Erkrankte bisher befand. Das Phantasma der eigenen Unsterblichkeit löst sich auf, der Lebenslärm, den das Ich erzeugt, könnte bald verhallt sein –, so die Schriftstellerin Ruth Schweikert über ihre Krankheit («NZZ», 16. März 2019).

Nun, es gibt auch Krankheitsfälle, wo statt einer Entwurzelung eine tiefere Verwurzelung in die Wahrheit des Ewig-Lebendigen stattfindet, aber nur diejenigen, die diese Wahrheit kennen, können ein authentisches Zeugnis von ihr geben. Eine von ihnen ist die am 16. Januar 2019 seliggesprochene Marguerite Bays (1815–1879) aus der Westschweiz.

M. Bays wurde am 8. September 1815 in La Pierraz, einem Weiler der Pfarrei Siviriez/FR geboren. Ihre Eltern waren arme Bauersleute, sie erlernte den Beruf einer Schneiderin. Einen grossen Teil des Jahres ging sie in die benachbarten Dörfer und Gehöfte nähen. Jeden Morgen wohnte sie der heiligen Messe bei und am Abend betete sie den Kreuzweg. Auf dem Weg zur Arbeit betete sie den Rosenkranz. Kam sie an einer Kirche vorbei, ging sie nie weg, ohne einen Besuch vor dem Allerheiligsten zu machen. Während des Monats Mai – noch bevor die Maiandachten eingeführt wurden – versammelte sie in ihrem Zimmer Jung und Alt, vor einem Marienbild und betete mit ihnen den Rosenkranz. Elf Mal ging sie zu Fuss zum Marienwallfahrtsort Einsiedeln. Im Jahre 1853 erkrankte sie an Darmkrebs. Aussicht auf Heilung gab es keine. Dann, am 8. Dezember, als Papst Pius IX. das Dogma von der Unbefleckten Empfängnis verkündete, betete sie besonders intensiv zu Maria – und wurde plötzlich geheilt. Auch empfing sie die Wundmale Christi an ihren Händen. Von da an trug sie meist schwarze Handschuhe, um die ihr zugeteilte Gnade zu verbergen. Man kann diese Handschuhe, die auf ihrem Nachttisch liegen, heute noch durch eine Gittertür sehen. Ich selbst war vor etwa 25 Jahren dort.