Von Dr. phil Martha v. Jesensky

Es gibt einen angeborenen Kern in uns, eine genetisch bedingte Anlage, wie das Temperament, der über lange Zeit gleich bleibt und sich nur sehr langsam verändert. Diesen Kern beschreibt die Persönlichkeitspsychologie heute meistens mit dem sogenannten, Big-Five-Modell, das die Persönlichkeit anhand von fünf Dimensionen zu erfassen versucht. Das sind: Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion (Lautseligkeit), Verträglichkeit (z.B. Teamfähigkeit) und Neurotizismus. Beim Letzten geht es um die Bewältigung fundamentaler Lebensaufgaben.

Sobald man die Antworten auf diese Fragen bekommt, kann ein relativ präzises Profil der Persönlichkeit entstehen. Je besser die Antworten ausfallen, kann man davon ausgehen, dass der Betroffene «Sich-inder- Hand-hat.» Personen mit solchen Merkmalen wirken beherrscht, diszipliniert und sind fähig, auch bei der stärksten inneren Aufregung äusserlich ruhig zu bleiben.

Doch die blosse äussere Erscheinung dieses Profils kann auch verborgene «unschöne innere Wahrheiten» enthalten: Grobkörniges, Derbes, Egomanisches, Zorniges, unkontrollierte Triebhaftigkeit und ähnliches. In der Tat: Wir sind oft überrascht, wenn wir aus den Medien über Untaten gewisser Persönlichkeiten erfahren, von denen wir angenommen haben, dass sie dem «Big-Five-Modell» entsprechen. Was fehlt ihnen? Der Seelenkenner und Theologe Peter Ott, sagt es: Es fehlt ihnen an innerer Gelöstheit, eine spezifische Geisteshaltung, die dem wahren Sanftmütigen eigen ist. (Dietrich von Hildebrand, «Umgestaltung in Christus » 1940, S. 273-287)

Sanftmut scheint das Gegenteil von Heftigkeit und Grobheit zu sein. Sie ist der Gegenpol zu einem rasch aufbrausenden, zornigen oder reizbaren Menschen. Der Sanftmütige bleibt geduldig, auch wenn er beleidigt wird. Und wenn er einen anderen tadeln muss, tut er das ohne Bitterkeit, Zorn und beleidigende Ausdrücken. Er ist auf eine besondere Weise gelöst. Er erzwingt nichts, sondern lässt die anderen in ihrem eigenen inneren Reifungsprozess wachsen, bis sie von sich aus zu neueren, besseren Erkenntnisse gelangen.

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