Selig, ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes.

Von Pfr. Dr. Johannes Holdt

Vom hl. Franz von Sales, dem grossen Bischof von Genf im 17. Jahrhundert, stammt ein erstaunlicher Satz:

«Sei froh über jeden Verlust, den du erleidest. Denn so gehörst du auch einmal zu den Armen!»

Ohne Zweifel eine Zumutung, dieser Satz. Weil er jedem natürlichen Empfinden widerspricht. Sich freuen über einen Verlust … Kein Mensch möchte doch im Ernst der Verlierer sein, der Arme, keiner möchte doch übervorteilt werden, den Kürzeren ziehen, nicht auf seine Kosten kommen. Und trotzdem steht es so da, klipp und klar: «Sei froh über jeden Verlust: Denn so gehörst du auch einmal zu den Armen.»

Genau besehen entspricht dieser Satz ziemlich genau dem heutigen Evangelium, ist sozusagen eine konkrete Anwendung und Umsetzung dessen, was Jesus da sagt – am Beginn der Bergpredigt: «Selig ihr Armen – denn euch gehört das Reich Gottes. – Aber weh euch, die ihr reich seid, denn ihr habt keinen Trost mehr zu erwarten» (Lk 20,20;24). Wenn das gilt, dann hat Franz von Sales Recht, wenn er meint, es wäre gut für uns, wenigstens hin und wieder zu den Armen, den Zukurzgekommenen zu gehören.

Aber warum sind die Armen selig? Weil Armsein ein in sich seliger Zustand wäre? So was könnte nur jemand sagen, der die Armut nicht kennt. Armut heisst: Zu-kurz-gekommen-Sein. Und das tut weh. Und da gibt es die unterschiedlichsten Arten von Armut.

Die materielle Armut: Es ist alles andere als angenehm, immer etwas ärmer dran zu sein als die Mitmenschen; im Haus der Wohlstandsgesellschaft die Kellerwohnung bewohnen zu müssen. Aber Armut hat auch noch andere Gesichter, zum Beispiel die naturgegebene Armut: wenn einer von Mutter Natur stiefmütterlich ausgestattet wurde; wenn einfach etwas fehlt, um anzukommen, um Erfolg zu haben, um etwas zu gelten, vielleicht nur ein paar Zentimeter Körpergrösse, oder ein paar geistige Talente. Manche sehen sich zu kurz gekommen in puncto Freundschaft und Liebe. Überall sehen sie glückliche Paare und stehen selbst allein da. Man könnte viele Beispiele von Armut nennen. Wobei es immer um dieselbe Erfahrung geht: zu kurz gekommen sein, Verlierer sein, nicht bei den Ersten, sondern bei den Letzten sein. Und nochmals die Frage: Warum sollen die Armen selig sein?

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2019-03-01T11:50:16+00:00

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