Von Dr. phil. Martha von Jesensky

Vor kurzem ging ich in die Seitenkappelle einer katholischen Kirche in Zürich. Dort sah ich eine junge Frau, stehend vor einer Marienstatue, sie schien ganz versunken zu sein ins Gebet. Ihre Hände umarmten die Füsse und das Kleid der Statue, ihre Lippen bewegten sich, wie wenn sie etwas erzählen oder erbitten möchte. Da ich sie nicht stören wollte, verliess ich die Kapelle diskret.

Ein anderes Mal besuchte ich eine Rosenkranz- Gebetsgruppe, wo ich nach dem Schlussgebet Gelegenheit hatte, eine Teilnehmerin, deren Lebensgeschichte ich kannte, nach ihrer Gebetserfahrung zu befragen. Konkret, ob ihre Gebete erhört werden und welche Konsequenzen das für sie im Alltagsleben habe. Ich wusste, dass ihr Ehemann zum Zorn neigt, sich oft über sie beschwert, in seinem Ton laut und zuweilen vulgär ist, nichts kann seine Frau ihm recht machen. Auf meine Frage, wie sie das aushält, sagte sie:

«Ich habe gelernt zu ertragen, auf die Hilfe von Maria zu hoffen, und zu vertrauen. Gespräche mit Psychologen haben mich nicht weiter gebracht. Mein Mann wollte sowieso nicht mitmachen. Am Anfang habe ich mich gegen die Zorn- und Wutgewitter meines Mannes gewehrt, es nützte aber nicht.»

Hier spricht also jemand, der vom Zorn hart getroffen worden ist. Wir alle waren oder sind zuweilen zornig. Zorn bringt Körper und Seele in Unordnung. Der Literaturwissenschaftler Urs Zürcher hat einen präzisen Blick auf ihn geworfen:

«Wer ihn moralisch bewertet, hat ihn nicht verstanden. Wer ihn therapieren will, wird von ihm vernichtet. Wer meint ihn gebändigt zu haben, hält lediglich schlaffen Verstand in Händen. Manchmal kündigt er sich an, brummt und stottert wie ein Motor, der nicht in die Gänge kommen will, bis er jäh hervorbricht und ringsum nichts anders zu hören ist als ein Schrei. Zuweilen wird Zorn ankündigungslos Zorn. Kein Warnsystem vermag den Zorn vorherzusehen, der, hat er die inneren Gemächer verlassen, Herr ist über das ganze Haus.» (Vgl. «Das Schweizer Literaturmagazin » Nr. 34, 2018)