Von Dr. phil. Martha von Jesensky

In einem russischen Kirchturm, in der Stadt Perm, ist der international bekannte Stardirigent Teodor Currentzis, (geboren 1974), um zwei Uhr morgens mit seinem Chor aufgetreten. Das Publikum wartete still, eingeschüchtert von Aufseherinnen, die dafür sorgten, dass niemand flüstert oder auf sein Handy schielt. Auf der Wendeltreppe, die nach oben führt, flackerten Kerzen. Nach langem Warten rauschten Männer und Frauen in Kutten in die Kirche herein. Applaus war verboten. Als Letzter erschien der Maestro, dann wurde es noch stiller.

Die Darstellung beginnt: Currentzis hebt seine Arme auf, er dirigiert, wie immer, ohne Taktstock, lockt Klänge hervor, berauschend, verstörend, «als lägen das Glück und das Elend der Menschheit in seiner Musik». Eine Frau sagte, sie sei extra aus Stuttgart hierhergereist, bis fast nach Sibirien, um Currentzis zu erleben –, noch bevor er in Stuttgart ab September 2018 sein neues Amt als Chefdirigent des SWR Symphonieorchesters antrete. Ein Verantwortlicher beim SWR schwärmt, er habe etwas Magisches, eine Aura, wenn er einen Raum betritt; er «verwandle Menschen.» Der Dirigent tanzt mal vor, mal hinter seinem Pult, und das Publikum hat keine Wahl – es wird einfach mitgerissen. Er liebt es, Kontraste auszureizen, mit Phrasierungen zu spielen, fast alles scheint bei ihm möglich. Ein Musikkritiker der «Neuen Zürcher Zeitung » bewertete ihn als «Innerlichkeitspathos », und die «Frankfurter Allgemeine » als «Holterdiepolter».

Doch sein Umfeld verehrt und fürchtet ihn, sein Wille ist Gesetz. «Wir glauben alles, was er sagt», so eine Sängerin. Und was sagt Currentzis über sich selbst? Auf die Frage eines Journalisten, «was sein Traum sei», antwortet er ohne Zögern:

«Mein Traum ist es, ein besserer Mensch zu werden. Das Licht der Inspiration in meinem Leben zu finden, das göttliche Licht … und es mit jemanden zu teilen. Mein Himmel ist es, meinen Himmel mit dir zu teilen. Das ist mein Traum.» (Vgl. «DER SPIEGEL», Nr. 38 / 15. 9. 2018)