Dr. phil. Martha von Jesensky

Um keine andere Berufsgruppe kümmern sich die Regierungen so sehr, wie um die Rentner, schreibt die «WELT AM SONNTAG». Ohne Rentner wäre alles nichts. Doch der «Berufsalltag » der Rentner ist knallhart. Gemütlich auf ein Kissen gestützt, aus dem Fenster schauen und Falschparker aufschreiben – das war einmal. Heute «müssen» Rentnerinnen und Rentner ständig Lesungen, Theaterstücke, Opern und Kammerkonzerte konsumieren. Ohne Rentner könnten 90 Prozent aller Museen und das ZDF dichtgemacht werden und Millionen künstlicher Hüften würden nutzlos verrosten. Rentner erhalten die Bekleidungsindustrie, sorgen für den Profit von Fluglinien und Reiseveranstaltern. Über die Weltmeere fahren riesige Kreuzfahrtschiffe, die auf den Transport und die Unterhaltung von Rentnern spezialisiert sind. Es sollte sich jeder gut überlegen, ob er die Kraft für diesen nervenaufreibenden Job hat (11. November 2018).

Beispiel

Heinz B. ist 79 Jahre alt, seine Frau Gertrud 75. Sie gehören zur glücklichen Rentnergeneration von heute, die sich einiges im Alter gönnen kann. Sie sind zufrieden. Das Reihenhäuschen in Duisburg ist längst abbezahlt, in der Doppelgarage parkt neben der Harley ein kleiner Opel Corsa. Den «Spiegel»-Journalisten (Koopmann / Schmergal) sagen sie, dass ihre Vorliebe für die Harley mit Hüfte und Rücken zu tun hat: Es muss ein Chopper 10 25 | 9. Dezember 2018 | SKS P100565_SKS_25_2018.indd 10 03.12.18 11:48 sein, «Tiefflieger», da sitzt man bequemer. Und man kommt leichter darauf» (10.11.2018).

Ist wirklich alles in Ordnung?

Für mich stellt sich hier die Frage: Wie wirkt sich eine solche, auf Genuss fokussierte Lebenshaltung auf die Denkart aus? Denn aktiv über etwas nachzudenken, um zu verstehen, ist eine Handlung, bei der man alle seine geistigen Kräfte sammeln muss. Doch, so die Philosophin Hannah Arendt (eine Schülerin von Martin Heidegger), gerade damit haben nicht wenige Menschen Mühe.

Interessanterweise stützen aktuelle kognitive Forschungen die Kritik Arendts auch auf neurobiologischer Ebene. Nämlich, dass das Gehirn eigentlich nicht gerne denkt. Meistens verharrt es in einem Energiesparmodus. Mentale Anstrengungen unternimmt es nur dann, wenn es keine andere Wahl hat, wenn man eine schwierige Aufgabe bei der Arbeit angehen muss oder akute Krisen gelöst werden müssen. In solchen Momenten wird das Gehirn sehr aktiv, gibt alles, was es kann. Wenn aber die Probleme gelöst sind, will es sich nicht weiter anzustrengen. Wie wir zwischen «Falsch und Richtig» unterscheiden, hängt allzu oft von einem heimlichen Wunsch des Gehirns ab, nicht viel nachdenken zu müssen, das heisst, eine Sache abzuhaken, ohne sich allzu sehr anzustrengen. Forschungen haben gezeigt, dass wir meistens im «faulen» Modus des Gehirns Dinge beurteilen. Wir nutzen nicht die Kapazitäten unserer Gehirne aus, die sich tief in eine Sache hineindenken und genau beobachten können (Vgl. Theresa Bäuerlein / Shai Tubali 2018, S. 180-181).