Von Prälat Prof. Dr. Georg May

Die Wahrheit und die Gnade sind erschienen in unserem Herrn und Heiland Jesus Christus. Aber von Anfang an fanden die Wahrheit und die Gnade Widerstand. «Er kam in sein Eigentum, aber die Seinigen nahmen ihn nicht auf.» Die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht. Nun hat es den Anschein, dass im Laufe der Kirchengeschichte doch einige ihn aufgenommen haben. Es hat christliche Völker gegeben und ein christliches Mittelalter. Aber diese Entwicklung darf uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass kein kontinuierlicher Fortgang der Annahme des Evangeliums durch alle Zeiten verheissen ist. Das Gegenteil ist der Fall. Je näher die Zeit dem Ende, dem Ende der Welt, kommt, umso mehr wird sich der Abfall vergrössern. Der Massenabfall gehört geradezu zu den Vorzeichen des Endes. Wenn der Glaube dahinfällt und die Liebe erkaltet, wenn die Massen sich lossagen von Christus und seiner Kirche, dann ist der Christ aufgerufen, sich zu fragen, ob dies nicht die Letzte Zeit ist. Der Massenabfall aber ist einem Wesen zuzuschreiben, das an vier Stellen der Heiligen Schrift erwähnt wird als der grosse Widersacher Christi, als der Wider-, der Gegenchristus, als der Antichrist.

Im Markus-Evangelium, in der sogenannten «synoptischen Apokalypse», ist zum ersten Mal aus dem Munde Jesu die Rede von dieser Gestalt. «Wenn ihr nun den Greuel der Verwüstung dort sehet, wo er nicht stehen darf – wer das liest, verstehe es wohl –, dann fliehe, wer in Judäa ist, auf die Berge.» Der Greuel der Verwüstung ist im griechischen Text ein Maskulinum, also kein Neutrum, sondern ein Maskulinum, eine Figur, eine Gestalt, eine Person. Und dieser Greuel der Verwüstung tritt da auf, wo er am wenigsten zu erwarten ist, nämlich im Bereich der Religion, im Gotteshaus, im Tempel, in der Kirche.

Zuerst muss der Abfall kommen

Dieser Gegenspieler Jesu hat Vorläufer. «Wenn dann jemand zu euch sagt: ‹Siehe, hier ist der Messias›, ‹siehe dort›, so glaubt es nicht. Denn es werden falsche Messiasse und falsche Propheten auftreten und Zeichen und Wunder wirken, um, wenn es möglich wäre, auch die Auserwählten in den Irrtum zu führen.» Es bleibt also eine Ungewissheit, ob der endgültige und letzte Gegenspieler Christi schon erschienen ist, der Widerchristus, oder ob es sich noch um einen seiner Vorläufer handelt.