Von Prälat Prof. Dr. Georg May

Welches ist das erste und grösste Gebot im Gesetze? Du sollst den Herrn deinen Gott lieben aus deinem ganzen Herzen, aus deiner ganzen Seele, aus deinem ganzen Gemüte und mit allen deinen Kräften. Dies ist das erste und grösste Gebot.

So muss es sein. Wenn Gott die grösste, allumfassende Wirklichkeit ist, dann muss er auch an erster Stelle bei allen Geboten und bei allem Tun des Menschen stehen. Wir wollen drei Fragen zur Gottesliebe stellen und zu beantworten versuchen.

1. Was ist die Gottesliebe?

2. Warum sollen wir Gott lieben?

3. Wie muss die Gottesliebe beschaffen sein?

Die erste Frage lautet: Was ist die Gottesliebe?

Wir können sie kurz so bestimmen: Die Gottesliebe ist das umfassende Ja des menschlichen Herzens zu der Wirklichkeit Gottes, mit dem sich der Mensch Gott ganz zu eigen gibt und sich ihm schenkt. Wenn wir im Einzelnen diese Ganzübergabe analysieren wollen, dann müssen wir sagen: Die Gottesliebe ist ein Wohlgefallen, ein Wohlwollen und eine Wertschätzung.

An erster Stelle ist die Gottesliebe ein Wohlgefallen. Wenn Gott der Schönste und Grösste, der Gewaltigste und Herrlichste von allem ist, dann muss der Mensch notwendig Wohlgefallen an dieser Wirklichkeit haben. Er muss davon entzückt sein, er muss davon hingerissen sein; und das ist der Ausdruck der begehrenden Liebe. Was schön ist, zu dem will man in Verbindung treten, mit dem will man in Kontakt kommen, das will man besitzen. Die Liebe des Wohlgefallens ist also der Anfang der Gottesliebe. Wer kein Wohlgefallen an Gott hat, der wird auch nicht zu den weiteren Stufen der Gottesliebe emporsteigen können. Denn aus dem Wohlgefallen ergibt sich das Wohlwollen. Was so schön und so herrlich, so gross und gewaltig ist wie Gott, dem muss man gut sein, dem muss man mit Warmherzigkeit begegnen, d.h. man muss Gott Freude machen wollen, man muss Gott sich übergeben und schenken wollen, man muss die Neigung haben, ihm zu dienen und zu helfen. Das Wohlwollen zeigt sich vor allem in der tätigen Gottesliebe, indem man nämlich seinen Willen tut, indem man seine Gebote erfüllt, indem man seine Kräfte für Gott aufwendet.