Von P. Bernward Deneke

Maria, in den Himmel aufgenommen, als Inbegriff unserer Sehnsucht

Verschiedene Zeiten haben ihre Lieblingsideen und Lieblingssymbole. Eines der Hauptmotive der Epoche, die man als «Romantik» bezeichnet und die sich nach allgemeiner Einteilung etwa vom Ende des 18. bis fast zum Ende des 19. Jahrhunderts erstreckt, ist die Sehnsucht. Sehnsucht – was ist das eigentlich? Der heilige Thomas von Aquin erklärt diese Leidenschaft als ein «Verlangen nach etwas, das zwar abwesend, aber doch irgendwie erreichbar ist».

Welche Kraft sie entfalten kann, das lässt sich immer wieder feststellen. So werden Menschen seelisch und manchmal auch körperlich krank vor Sehnsucht nach einem anderen Menschen, nach bestimmten Orten, die sie verlassen mussten (man denke an Heimatvertriebene), nach für immer vergangenen Tagen. Zugleich kann Sehnsucht aber auch einen starken An- und Auftrieb bedeuten. Rühmend nennt Gott selbst den Propheten Daniel einen «Mann der Sehnsüchte» (Dan 10,11).

Die romantische Sehnsucht hat oft mit dem Jenseitigen, Unendlichen zu tun. Sie will alle Grenzen überschreiten hin zu einer letzten, ewigen Schönheit. Dafür haben Dichter dieser Zeit ein sprechendes Symbol gefunden: die Blaue Blume. Sie ist nicht irgendeine beliebige, blau gefärbte Blume auf dem Feld oder am Wegrand wie die Kornblume oder der Enzian. Bei der Blauen Blume der Romantiker handelt es sich vielmehr um ein einzigartiges, nahezu unerreichbares Geschöpf, nach dem man suchen, suchen und nochmals suchen muss. Wer es gefunden hat, dessen Glück ist vollkommen.

Will man das Symbol der Blauen Blume verstehen, so gilt es zunächst, sich klarzumachen, wofür die Blume steht. Abgesehen von manchen wenig einladenden Exemplaren – stacheligen, unangenehm riechenden, fleischfressenden –, ist die Blume wohl allgemein anerkannt als Inbegriff des Schönen, Zarten, Feinen, Lieblichen. So kann sie auch als Vergleich für einen Menschen dienen, wie diese Verse von Heinrich Heine († 1856) bekunden:

Du bist wie eine Blume, So hold und schön und rein; Ich schau dich an, und Wehmut Schleicht mir ins Herz hinein.

Mir ist, als ob ich die Hände Aufs Haupt dir legen sollt, Betend, dass Gott dich erhalte So rein und schön und hold.