Den Alptraum der Moderne vergessen

Von Michael K. Hageböck – Als ich einem Freund von San Ireneo de Arnois erzählte, wollte er auf der Stelle hinfahren. Der Ort ist zu schön, um nicht wahr zu sein – obgleich er nur zwischen zwei Buchdeckeln existiert. Die Menschen dieses fiktiven Dorfes haben sich für ein entschleunigtes Leben entschieden: Die Heilige Messe im alten Ritus bildet das Zentrum ihrer Gemeinschaft, wandelt das Denken, prägt den Geschmack, durchformt den Alltag, hat Einfluss auf die Auswahl der Literatur, bestimmt das Miteinander, ordnet das Berufsleben. Die meisten Einwohner führen ein kleines Geschäft und nehmen sich Zeit für das Wesentliche. Keiner jagt oberflächlichen Vergnügungen hinterher, niemand lässt sich von elektronischen Medien ablenken.

In San Ireneo de Arnois lernt eine agnostische Akademikerin die katholische Tradition auf ebenso charmante wie faszinierende Weise kennen: Als Mysterium, als Quelle der Inspiration, als Fülle der abendländischen Kultur. Señorita Prim begegnet einem Gentleman der alten Schule, dessen verwaiste Nichten und Neffen von ihm Zuhause unterrichtet werden, Vergil lesen, Rubljows Dreifaltigkeitsikone malen und mit dem Reglement von Ritter-Turnieren vertraut sind. Die junge Intellektuelle soll sich um den Bestand einer privaten Bibliothek kümmern; ihr Arbeitgeber ähnelt Mister Knightley aus Jane Austens „Emma“, doch statt in einem englischen Landsitz wohnt er bei einem Kloster, welches an Le Barroux erinnert. Vermutlich liegen Nicolas Gomez Davila sowie John Senior auf seinem Nachtisch. Jedenfalls ist die ganze Bildung, welche er vermittelt, zutiefst von ihren Sentenzen durchdrungen.

Im Reflektieren von Literatur und Kunst entfaltet sich für die Protagonistin eine ungeahnte Geisteswelt. Sie lernt neue Autoren kennen, sowie altbekannte christlich zu deuten. Mit J.R.R. Tolkien und Kardinal Newman nimmt Señorita Prim die Wirklichkeit hinter den Dingen wahr, gelangt von den Bildern und Schatten zu Gott. Die Gespräche behandeln die Gedankengebäude verschiedenster Autoren. Immer wieder tauchen Kinder auf, doch ihr eigentlicher Platz ist der Garten, denn sie gehören noch nicht zur Erwachsenenwelt. Unbeschwert leben sie das, worum die Señorita mühsam ringen muss.

San Ireneo de Arnois zeigt die christliche Kultur in ihrer abendländischen Ausprägung, weiß sich aber auch mit dem Kloster Simonos Petras verbunden, schätzt Dostojewski und Johannes Chrysostomos. „Das Erwachen der Señorita Prim“ entreißt den Leser aus dem Alptraum der Moderne, um ihm einen Ort der Sehnsucht zu zeigen, eine Parallelwelt der Freiheit, der Weisheit und der Frömmigkeit. In Dialogen wird die Kulturgeschichte des Christentums präsentiert, gleichzeitig entspinnt sich eine behutsam erzählte Romanze. Dieses bislang einzige Werk der spanischen Wirtschaftsjournalistin Natalia Sanmartin Fenollera sollte in keiner Hausbibliothek fehlen; es stiftet an, seine Lebenswelt vom Glauben her zu gestalten. Vielleicht der katholischste Roman der letzten 50 Jahre.

Natalia Sanmartin Fenollera

Das Erwachen der Señorita Prim

Thiele & Brandstätter Verlag 2013

368 Seiten, ISBN: 978-3851792522

geb. 18,- Euro

(bei Piper auch als TB erhältlich)

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2018-04-24T10:50:08+00:00

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