Kreuz(ge)tragen

Von Pfr. Dr. Guido Rodheudt – Eine Szene in einem Krankenhaus. Eigentlich nichts Neues oder Besonderes. Der Patient liegt still auf seinem Krankenbett. Über Monitore wird sein Gesundheitszustand überwacht. Er ist schon sehr schwach und kann deshalb die vorgesehenen Antworten nicht mehr mit der Stimme geben. Geräte geben dezente Geräusche ab, und die Umgebung, die vor Technik und Knowhow strotzt, täuscht nur mühsam darüber hinweg, dass hier bald ein Mensch sterben wird.  Es ist eine Szene, wie sie sich täglich auf unseren Intensivstationen zuträgt. Und doch geschieht hier etwas Aussergewöhnliches. Denn hier, in einem Nebenraum der Intensivstation einer Klinik in der US-Diözese Nashville, wird in wenigen Augenblicken der bettlägerige Patient William Carmona zum Diakon und dann sofort zum Priester geweiht. Zwei Tage später erliegt der Neupriester seiner Krebserkrankung, die schon stark fortgeschritten ist.

Leben unter dem Geheimnis des Kreuzes

Welchen Sinn macht es, einen Todgeweihten zum Priester zu weihen? Er kann doch nichts Diesbezügliches tun oder leisten? Wir sind es gewöhnt, den Priester danach zu beurteilen, was er tut und wie er es tut. Die berührende Szene aus den USA lehrt aber etwas anderes: Es kommt vor Gott nicht so sehr darauf an, was jemand tut, sondern, was jemand ist. Ob es ihm gelingt ein wirklicher Freund Christi des Gekreuzigten zu sein oder nur ein Fan Seines Programms und ob er sich mit Christus als treu und mit Ihm verbunden zeigt, auch was die unsichtbaren Momente des Leidens betrifft.

Im Falle des todkranken Neupriesters war man sich einig, dass er, der nichts Äusseres mehr tun konnte, sich in einem doch als stark und mächtig erwies: da nämlich, wo es darum ging „Ja“ zu sagen zu Christus und das heisst auch zum Leiden und genau daraus Segen zu schöpfen. Deswegen entschied sein Bischof, seinem innigen Wunsch zu entsprechen und ihn durch Handauflegung und Gebet mitten zwischen den Kabeln und Apparaten der Intensivstation zum Priester zu weihen. Die Kirche würde ihn ja als Priester behalten: wenige Stunden in dieser Welt und in der anderen eine Ewigkeit. Diakon Rafael Bougrat, einer seiner Freunde, sagt später über ihn: „Ich habe nie zuvor jemanden getroffen, der so spirituell war. Er war derart mit Gott verbunden, dass er dies jedem zeigen konnte“. „Ich hatte nicht erwartet, dass ich dem Bischof in der Messe assistieren würde. Man übertrug mir die Ehre, die Diakonenstola und die Dalmatik über den fragilen Körper zu legen.“ Er habe ihm später noch sagen können, „wie sehr er mein Gebetsleben verändert hat.“

Dies ist das Geheimnis eines Menschen, der verstanden hat, dass das Leben mit Christus sich in erster Linie danach bemisst, inwieweit wir bereit sind, Sein Kreuz zu lieben, anzunehmen und zu tragen – und zwar auch und gerade dann, wenn es niemand sieht.

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2018-04-24T08:51:13+00:00