Die Dauer der „Grabesruhe“ Jesu

Von Dr. Ludwig Neidhart – Es gibt manche Sätze im Neuen Testament, die auf den ersten Blick den geläufigen christlichen Auffassungen zu widersprechen scheinen. So heißt es im apostolischen Glaubensbekenntnis im Einklang mit eine Reihe neutestamentlicher Texte, Christus sei „am dritten Tage“ auferstanden von den Toten.

Dem scheint aber der Ausspruch Jesu in Mt 12,40 zu widersprechen:

Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war (vgl. Jona 2,1), so wird auch der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Innern (wörtlich: im Herzen) der Erde sein.“ Wenn sich dies auf den Tod Jesu bezieht, könnte man in diesen Ausspruch angedeutet sehen, dass Jesus drei volle 24-Stunden-Tage im Grab lag, also erst am vierten Tage auferstand.

Solche Probleme haben denkende Christen immer schon angeregt, zu überlegen, ob und wie sich solche Aussagen in Einklang bringen lassen. Für den, der glaubt, eine Auflösung des Widerspruchs in einem der geläufigen Auffassung entgegengesetzten Sinn gefunden zu haben, war und ist dies oft der Anlass, sich von den Traditionskirchen zu trennen.

Zunächst ist zu der genannten Stelle Mt 12,40 zu sagen, dass hier die Worte „Tod“ und „Auferstehung“ gar nicht vorkommen, sondern nur in bildhafter Sprache („Herz der Erde“) darauf angespielt wird. Daher ist es ratsam, diese Stelle in Licht der gleich zu besprechenden andere Stellen auszulegen, die direkt von Tod und Auferstehung Jesu reden, anstatt umgekehrt jene Stellen im Lichte dieser zu deuten. Insbesondere ist zu beachten, dass es in Mt 12,40 nicht heißt, dass Jesus drei volle Tage und drei volle Nächte in der Erde sein wird; und zu beachten ist schließlich, dass der Ausdruck „im Inneren / im Herzen der Erde“ nicht ohne Weiteres die Bedeutung „im Grab“ haben muss. Ein alternative Deutung wäre, dass das Verweilen Jesu in der „Erde“, welches Jesus hier mit dem Verweilen des lebendig verschlungenen Jona im Bauch des Fisches vergleicht, sich auf die Zeit bezieht, in der Jesus seiner Bewegungsfreiheit beraubt war, festgehalten von der „Erde“, d.h. zunächst von den „irdischen“ Machthabern und dann zuletzt auch von der Erde im buchstäblichen Sinn. So gesehen würden die drei Tage und drei Nächte schon mit der Gefan­gennahme Jesu beginnen, die am Vorabend seiner Kreuzigung stattfand (vgl. Joh 18–19). Dieses (zunächst lediglich mögliche) Verständnis bietet sich als ein sinnvolles Verständnis an, wenn man aufgrund der folgenden (diesbezüglich klaren) Schriftstellen sagen muss, dass Jesus keineswegs drei volle Tage und drei volle Nächte im Grab gelegen haben kann:

Erstens sprechen dafür klare Formulierungen: Nach Lk 24,21 sagen die Emmausjünger am Abend des Auferstehungstages: „Es ist nun der dritte Tag seit das alles (nämlich die zuvor erzählte Geschichte Jesu bis zu seiner Kreuzigung) geschehen ist.“ Demnach kann Jesus nicht drei volle Tage und drei volle Nächte im Grab gelegen haben, sondern nur drei Kalendertage, wobei vom ersten und letzten dieser Tage nur ein Bruchteil zu zählen ist, und lediglich zwei Nächte. Vgl. auch 1 Kor 15,4 „Er ist am dritten Tage auferweckt worden“.[1] Ebenso kündigte auch Jesus selbst seine Auferstehung „am dritten Tage“ an (Mt 16,21; 17,23; 20,19; Lk 9,22; 18,33; 24,7).[2] Daneben gibt es die überlieferte Formulierung des Jesus-Wortes „in (= innerhalb von) drei Tagen“ (Mk 14,58; Mk 15,29; Joh 2,19-22). Nach Markus schließlich benutzte Jesus auch die Formulierung „nach drei Tagen“ (Mk 8,31; 9,31; 10,31), was man aber im Einklang mit der Formulierung „am dritten Tage“ und „innerhalb von drei Tagen“ verstehen kann als gleichbedeutend mit „nachdem der Zustand des Todes drei Kalendertage berührt haben wird“. Dass zudem die Redewendung „nach drei Tagen/noch drei Tage“ mit „am dritten Tag (von jetzt an)“ synonym verwendet werden kann, zeigt klar der Vergleich von Gen 40,13.19 mit Gen 40,20–23.

Einen genaueren Aufschluss über die in Rede stehende Zeit erlauben zweitens auch die detaillierten Erzählungen der Evangelien über das Geschehen. Demzufolge fanden die Frauen am frühen Morgen des ersten Tags der Woche, dem Tag nach dem Sabbat  (d.h. am Sonntag) Jesu Grab leer vor (vgl. z.B. Mk 16,1-6), und zwar nach Joh 20,1, „als es noch dunkel war“, d.h. gegen oder kurz nach fünf Uhr morgens,[3] und Jesus war am Vortag dieses Sabbats (d.h. am Freitag) am Kreuz gestorben (Mk 15,42; Lk 23,54; Joh 19,31), und zwar zur neunten Stunde nach Sonnenaufgang (Mk 15,34-37), d.h. zwischen 14 und 15 Uhr. Begraben wurde er am Abend seines Todestages (Mk 27,57-62; Lk 23,53-54), also gegen 18 Uhr. Demnach kann seine Zeit im Grabe maximal ca. 35 Stunden gedauert haben, d.h. weniger als eineinhalb 24-Stunden-Tage.

Nun kann man die Ereignisse im Einklang mit allen genannten Bibelstellen wie folgt deuten, wenn man den Tag mit der Morgendämmerung beginnen und mit der Abenddämmerung enden lässt:

[1] Der „dritte Tag“ bezeichnet auch an einigen Stellen des Alten Testaments einen Termin, an dem sich nach zweitägiger Vorbereitung etwas Heilsentscheidendes ereignet. Vgl. Gen 22,4 (symbolische Opferung und Errettung Isaaks am dritten Tag eines Fußmarsches), Jos 3,1–2 (Überquerung des Jordans durch die Israeliten am Ende von drei Tagen nach der Ankunft daselbst), und Ex 19,10-11: „Jahwe sprach zu Mose: Gehe zum Volke und heilige sie heute und morgen,  und sie sollen ihre Kleider waschen und bereit sein für den dritten Tag: Denn am dritten Tag wird Jahwe vor den Augen des ganzen Volkes auf den Berg Sinai herabsteigen.“ Vgl. vor allem die von den Christen (allegorisch) auf Jesu Tod und Auferstehung  gedeutete Prophezeiung Hos 6,2: „Nach zwei Tagen gibt er uns das Leben zurück, am dritten Tag richtet er uns wieder auf“.

[2] Vgl. auch das rätselhaften Jesuswort Lk 13,32: „Ich treibe Dämonen aus und vollbringe Heilungen heute und morgen, und am dritten Tage werde ich vollendet.“

[3] Hierzu steht die merkwürdige Zeitangabe für den Besuch der Frauen am Grab bei Matthäus 28,1 nicht im Widerspruch. Denn „ὀψὲ σαββάτων“ dürfte hier nicht „spät abends am Sabbat“ heißen. Dagegen spricht schon der Plural σαββάτων („Sabbate“). Unter einem Sabbat verstehen die Juden außer dem eigentlichen „Sabbat/Samstag“ auch allgemein einen „Ruhetag/Feiertag“, und das Wort ὀψέ kann zwar „spät“, aber mit dem Genitiv auch „zeitlich nach“ heißen. Die beste Übersetzung scheint daher zu sein: „nach den Feiertagen“, wobei mit den Feiertagen der Sabbat (Samstag)  und das vorhergehenden Passahfest (Donnerstag/Frei­tag) gemeint sein dürfte, an dem Jesus am Donnerstagabend selbst teilgenommen hatte, dieser erste Tag der Passahfestwoche war ebenfalls ein arbeitsfreier Ruhetag wie der wöchentliche Sabbat (vgl. Lev 23,5–7). So besuchten die Frauen auch nach Matthäus das Grab „nach“ dem Samstag, d.h. am Sonntag. Das bestätigt Matthäus dadurch, dass er unmittelbar danach hinzufügt: „als der erste Tag der Woche aufleuchtete“.

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2018-04-24T10:05:15+00:00