Weinkenner

Unter Katholiken besteht ein ernsthaftes Problem: Sie sind keine Weinkenner. Sie befinden sich in einer Situation ähnlich derjenigen einer Frau, die mir selbst davon erzählte. Sie hatte einem steinreichen Herrn Unterricht erteilt und war von ihm nachher in ein Feinschmecker-lokal eingeladen worden. Dort wurde ihr selbstverständlich auch ein edler Tropfen kredenzt. Danach befragt, wie ihr dieser denn schmecke, sagte sie, er sei gut. Jetzt wollte der Mann sie aber doch wissen lassen, um was für ein Getränk es sich handelte, und nannte den wohlklin-genden französischen Namen. Als ihm der Blick der Frau zu verstehen gab, dass sie damit nichts anfangen könne, fügte er hinzu, eine Flasche koste viele hundert Franken. Darauf er-hielt er die ernüchternde Auskunft: „Da tut es mir aber wirklich leid, dass sie keine Würdi-gere als mich damit beschenkt haben. Ich bemerke nämlich keinen Unterschied zu einem Aldi-Wein für ein paar Franken.“

Das Problem vieler Katholiken – wohlgemerkt: praktizierender Katholiken! – liegt allerdings nicht in solcher Art von Banausentum. Für das Leben mit Gott ist es zum Glück unerheblich, ob man einen Spitzenwein von einem mittelmässigen und diesen wiederum von einem schlechten unterscheiden kann oder nicht. Das fehlende Kennertum, um das es uns hier geht, ist auf einer anderen Ebene angesiedelt. Man kann es an einer berühmten Szene aus dem Evangelium veranschaulichen: Jene Katholiken verhalten sich wie die Gäste bei der Hochzeitsfeier zu Kana (Joh 2,1-12). Dort hatte man bereits in beträchtlicher Menge Wein genossen, und zwar recht bescheidenen Wein, bis dieser zur Neige ging. Die Mutter des Herrn bemerkte die Notlage und gab ihrem Sohn den vielsagenden Hinweis: „Sie haben kei-nen Wein mehr.“ Nach einer scheinbaren Absage, verbunden mit dem geheimnisvollen Hin-weis auf Seine „Stunde“, die „noch nicht gekommen“ sei, wirkt Jesus dann im Verborgenen das erste Seiner Zeichen: Aus Wasser wird Wein. Ein Wein, den der Speisemeisters als Spit-zenwein erkennt. Doch die Hochzeitsgäste wissen das offensichtlich nicht zu schätzen. Sie trinken einfach fröhlich weiter, ohne wahrzunehmen, welcher Geschmack sich jetzt in ihrem Gaumen ausbreiten will. Hauptsache, es rinnt nur irgendein Wein in die Kehle!

Wo aber liegt der Vergleichspunkt zu den „vielen Katholiken“?

2017-07-03T11:43:55+00:00